09/08/2013

Ansichten / Einsichten //

EOOS, das sind Martin Bergmann (*1963), Gernot Bohmann (*1968) und Harald Gründl (*1967). Bereits während ihres Studiums in der Meisterklasse von Paolo Piva an der Universität für angewandte Kunst in Wien erkannten die drei eine besondere Synergie in ihrer Arbeit. 1995 gründeten sie ihr gemeinsames Atelier.

Das Trio arbeitet in den Bereichen Möbel- und Produktdesign sowie im Shopdesign für Kunden wie Giorgio Armani, Adidas, Alessi, Bulthaup, Dedon, Duravit, Walter Knoll, Keilhauer, Matteograssi und Zumtobel. Für EOOS ist Design eine poetische Disziplin und eine kulturelle Dienstleistung an der Gesellschaft.
In ihrem inspirierenden Büroloft in der Wiener City setzen die drei Querdenker ihre Vorstellungen um. Fünfzehn Kreative verschiedenster Herkunft und Profession unterstützen das Trio bei ihren Projekten von Mailand bis Toronto, London bis New York, Berlin bis Herrenberg. Die Karriere von EOOS ist eng verknüpft mit der Entwicklung von Walter Knoll. Über 25 erfolgreiche Modelle sind seit dem ersten gemeinsamen Projekt 1997 entstanden. Den Auftakt machte Jason, ein Sofa, das im Laufe der Jahre zu einer ganzen Sitzmöbelfamilie erweitert wurde. Dann folgten preisgekrönte Klassiker wie Drift und George, Bestseller wie das modulare Sofaprogramm Living Landscape, Office-Innovationen wie der Lead Chair und nicht zu vergessen das erst jüngst auf der Möbelmesse in Köln präsentierte Sofa Gordon. Bis heute erhielt EOOS über 60 internationale Auszeichnungen, darunter 2004 den italienischen Designpreis Compasso d‘ Oro. Wann immer die drei Designer ihre Köpfe zusammenstecken, entsteht etwas Besonderes. Barbara Benz traf die drei Herren zum Gespräch.

architare: Welche drei Eigenschaften zeichnen ein gutes Produkt heutzutage aus?
EOOS: Gutes Design hat kein Ablaufdatum. Design hat eine gesellschaftliche Wirkung, es transportiert Werte. Und gute Produkte geben nicht vor, etwas zu sein, was sie nicht sind.

Und drei Eigenschaften, die ein gutes Produkt in Zukunft auszeichnen werden? Authentizität, Poesie und Nachhaltigkeit spielen auch in Zukunft eine Rolle.

Was schätzen Sie besonders an ihrer Aufgabe als Designer?
Die Zusammenarbeit mit interessanten Unternehmen und die Begegnung mit spannenden Menschen, aus denen sich auch gute Freundschaften entwickeln.

Wie stark fließt die kulturelle Herkunft eines Designers in die Gestaltung eines Produktes mit ein?
Wir glauben eigentlich nicht an eine lokal geprägte Designsprache und bemühen uns im Gegenteil beim Entwurf unserer Objekte eher darum, dass diese auch im interkulturellen Kontext verstanden werden. Wir sind froh, in Österreich leben und arbeiten zu können, weil wir hier eine unvergleichlich hohe Lebensqualität haben. Aber unsere Kunden, sowie unsere Produkte sind alle international.

Ihr persönlicher Favorit der letzten Jahre?
Der italienische Futurist Fortunato Depero zum Beispiel. Design als poetische Disziplin – dieses Leitbild hat er überdehnt und in seinen Arbeiten fast schon mehr Poesie an den Tag gelegt, als der Markt verträgt. Trotzdem war er als Industriedesigner erfolgreich, hat beispielsweise die tolle Campari-Flasche entworfen. Das fasziniert uns.

Das überflüssigste Produkt, dass Ihnen je begegnet ist?
So vieles ist Überfluss – wir wissen das und kaufen trotzdem. Wir brauchen mehr Bewusstsein für einzelne Dinge. Hinterher stellen wir uns die Frage, was wollten wir eigentlich damit? Eine Wohnung kann mit ganz Wenigem auskommen. Jeder soll selbst in sich hinein hören, was er braucht.

Für wen würden Sie gerne einmal ein Produkt entwerfen?
Das findet gerade statt: Wir entwickeln eine Toilette für die Ärmsten der Welt auf Initiative der Bill & Melinda Gates Foundation. Gemeinsam mit dem Schweizer Forschungsinstitut Eawag arbeiten wir an einem Sanitärkonzept, das keiner Wasser- oder Kanalanbindung bedarf.

 

 Harald Gründl und Martin Bergmann. Mit genialen Entwürfen wie dem ‚Lead Chair‘ für WALTER KNOLL gehört EOOS zur Spitze des internationalen Designs.

 

Sie verstehen Design als einen politischen Akt. Sind folglich auch alle Menschen, die Design kaufen politisch aktiv? Wenn ja in welche Richtung? Es geht um eine Reform unseres Lebensstils, und Design kann dabei eine wichtige Rolle im Wandel einnehmen. Es geht um die Gestaltung eines neuen Lebensstils, bei dem Wachstum eine Kategorie der Qualität und nicht Quantität wird. Designerinnen und Designer benützen neue Werkzeuge, um Lebenszyklen zu gestalten, anstatt nur die konsumierbare Form von Produkten. Designprozesse werden partizipativer, d.h. Nutzerinnen und Nutzer werden verstärkt in kreative Prozesse mit eingebunden. Unser sehr technisch geprägter Innovationsbegriff wird in Richtung sozialer Innovation verschoben. Konsumierende werden auch zunehmend zu Produzierenden, und schließlich wird das Nutzen wichtiger als das Besitzen.

Das Wort Poesie ist gerade sehr populär und Romantik reloaded in aller Munde. Wird es nun auch für EOOS Zeit, seine „Poetische Analyse“ zu überdenken, ja vielleicht sogar zu modifizieren? Die poetische Analyse ist keine Strategie, es ist eine grundlegende Zugangsweise zu Design. Das geht nicht vorbei oder kommt aus der Mode, sie muss auch nicht modifiziert werden. Urbilder und Rituale, wie wir sie suchen, bleiben. Es ist das Spannungsverhältnis zur Realität das variiert.


 Gernot Bohmann auf Atelier Chair

 

Seit wann arbeiten Sie für Walter Knoll?
Für Walter Knoll arbeiten wir schon seit 1997. Also, 16 erfolgreiche Jahre!

Wie kam es zu dieser fruchtbaren Zusammenarbeit?
Als wir uns Mitte der 90er Jahre, kurz nach dem Diplom an der Universität für angewandte Kunst, gerade als junges Designstudio durchs Leben kämpften, hat unser ehemaliger Professor einen ersten Kontakt zu Markus Benz hergestellt. Wir bekamen also die Chance, die Firma in Baden-Württemberg zu besuchen und uns dort vorzustellen. Markus Benz zeigte uns die Firma und das Buch „125 Jahre Knoll“. Er meinte, wir sollen uns die Vergangenheit und bisherige Entwicklung des Unternehmens anschauen und darauf Überlegungen aufbauen, wie Walter Knoll in der Zukunft aussehen kann. Mit diesem Auftrag fuhren wir zurück nach Wien. Und kamen mit dem Entwurf für Jason, einem eleganten Sofa mit intelligenter Mechanik zum Umlegen der Armlehnen, sodass ein Daybed entsteht, zurück. Dass Jason gleich ein so großer Erfolg war, hat uns aufatmen lassen.

Was schätzen Sie besonders an diesem Unternehmen?
Die Basis sind das exzellente Handwerk und die avancierte Technologie. Zudem ist es aber auch das Vermögen von Markus Benz, den Kreativprozess zu lenken und zu leiten und mutige Entscheidungen zu treffen.

Gerade hat ihr Sofa „Gordon“ den Wallpaper Award 2013 bekommen. Ist eine Auszeichnung wie diese ein Ansporn für Sie als Designer oder eher ein Booster für den Verkauf eines Modells?
Das ist eine große Auszeichnung, über die wir uns sehr freuen…

Wie oft sind Sie in Herrenberg?
Mindestens einmal im Monat!

Was empfehlen Sie Besuchern, die im Walter-Knoll-Land unterwegs sind? 
Neben der gläsernen Walter Knoll Zentrale, das Mercedes Benz Museum und die Weissenhof-Siedlungin Stuttgart. Und zum Abendessen Da Gino in Nagold!

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Auswahl an Produkten, die EOOS für WALTER KNOLL entworfen haben:
Jaan  / Ameo / Cuoio / Yuuto / Tadeo / George / Oki / Bao / Joco / Jason / Living Landscape / Oota / Andoo