30/05/2011

Die Gesamtkonzeptkünstlerin //

Sie ist mit dem „Einrichtungsgen“ zur Welt gekommen, hat in einer Weberei in Mailand und in einem Designcenter in New York gearbeitet, war Zielgruppenforscherin und Produktmanagerin in internationalen Werbeagenturen, spricht sechs Sprachen, hat vier Kinder und ist sowohl Gründerin als auch Geschäftsführerin des Einrichtungshauses architare in Nagold: ein Interview mit Barbara Benz.

Frau Benz, als Tochter des Möbelherstellers Rolf Benz hat Sie das Thema Einrichten von klein auf umgeben – wie waren die Möbel in Ihrer Kindheit? BB: Das war eine bunte Mischung, die einiges aushalten musste! Wir hatten immer die Testmöbel von Rolf Benz zu Hause, also Sofas und andere Polstermöbel, auf denen meine drei Brüder und ich herum geturnt sind. Härtere Tests hätten die eigentlich gar nicht durchlaufen können. Manchmal mussten meine Kusine und ich aber auch ganz ruhig auf den Rolf Benz-Möbeln sitzen: Immer dann, wenn wir als kleine Werbemodels für Anzeigen fotografiert wurden. Unser Zuhause war jedenfalls nicht durchgestylt, sondern hatte den Stil, den ich auch heute am liebsten mag: lebendig, natürlich, zum Wohlfühlen. Ein kleines Beispiel für unseren Umgang mit Einrichtung, die andere nur wie kostbare Objekte zur Schau stellen würden: Unter große Seidenteppiche haben wir Kissen geschoben und über die so entstandenen Hügel unsere Holzeisenbahn fahren lassen.

Hatten Sie ein Lieblingsmöbelstück, bevor Sie begonnen haben, sich professionell mit Einrichten zu beschäftigen?
BB: Oh ja: einen riesigen Sitzsack, eine Sonderanfertigung. Er war aus dunkelbraunem Stoff gefertigt und es passten acht Leute drauf. Für uns Kinder war das ein Wunderding, wie ein großes Stofftier aus einer Traumwelt. Später hatte ich dann noch ein Lieblingssofa von Vogtherr, das ich mir selbst gekauft und bei all meinen Umzügen mitgeschleppt habe: nach Stuttgart, Nagold, Frankfurt, Stockholm... Insgesamt bin ich in meinem Leben bestimmt ein Dutzend Mal umgezogen.

Ihre Stärke ist, die individuell richtige Einrichtung für jeden Kunden zusammen zu stellen. Wie machen Sie das?
BB: Durch Unterhalten, Zuhören und Zusehen. Beobachten wie sich jemand bewegt, wie er redet, wie er sich auf einen Stuhl setzt. Haben Sie bemerkt, dass jeder anders sitzt? Das ist unverwechselbar. Außerdem stelle ich Fragen wie: Wie möchten Sie leben? Handelt es sich um ein Haus, in dem Sie ständig leben oder um ein Ferienhaus? Soll es repräsentativ oder gemütlich werden? Haben Sie häufig und viele Gäste? Ich spreche mit dem Architekten oder dem Inhaber selbst. Im Wohnbereich bemerke ich oft, dass jeder der Bewohner seine eigenen Vorstellungen hat. Also ist es mir lieber, sie kommen besser gleich alle zusammen zu mir. Ich habe viel Harmonie erlebt, aber auch den einen oder anderen Ehekrach, in  jedem Fall arbeiten ich und meine Mitarbeiter mit viel psychologischem Einfühlungsvermögen. Wenn zum Beispiel der eine Ehepartner Stoff will und der  andere Leder bevorzugt, könnte die Lösung ein Stoffsofa und dazu Ledersessel sein. Oder umgekehrt, je nachdem, was für wen in welcher Situation wichtig ist.

Was ist Ihnen bei Ihrer Arbeit denn besonders wichtig?
BB: Dass alles ein Gesamtkonzept gibt. Dass der vorhandenen Einrichtung die einzelnen Teile nicht aufgezwungen werden, sondern dass wir das Neue gekonnt einbauen. Oder: gleich alles neu machen. So oder so soll ein stimmiges Gesamtwerk entstehen, das als großes Ganzes und gleichzeitig in allen Details spürbar ist.

Neben Privatkunden, zählen auch Firmen zu Ihren Kunden  – welches Unternehmen begeistert Sie so, dass Sie es gerne einrichten würden?
BB: Ferrari! Weil die so tolle Autos haben (lacht). Aber im Ernst: Mich interessieren, wie deren Firmengebäude eingerichtet ist. Am liebsten statte ich Unternehmen aus, bei denen ich sowohl das Branding als auch das Interior Design betreuen kann, wie zum Beispiel bei der Maschinenfabrik Arburg. Ich will, dass das Outfit zum Wesenskern des Unternehmens passt. Dass man die ganz besondere Firmenausstrahlung sofort erkennt. Ganz zum Unterschied von einem Konzerngebäude, das ich kürzlich selbst als Kundin besucht habe: Da dachte ich, dass der Charakter der Möblierung im totalen Gegensatz zum Charakter ihrer Produkte stand.

Was ist der größte Fehler, den man beim Einrichten machen kann?
BB: Wenn man dem Kunden nicht genau zuhört und nur dem eigenen Geschmack folgt, statt sich auf die Kunden ausrichten und dabei eigene Ideen einfließen zu lassen. Kunden lieben es zum Beispiel manchmal opulenter als ich. Die Ideallösung ist eine Kombination aus dem, was der Kunde will und dem, was ich als Profi vorschlagen kann. Am schlimmsten wäre, wenn jemand eine neue Einrichtung kriegt und sich darin nicht zu Hause fühlt.

Was ist letzten Endes wichtiger: Geld oder Geschmack?
BB: Mit gutem Geschmack kann man sich auch gut einrichten, aber: Was ist schon guter Geschmack? Das heißt schließlich für jeden etwas anderes.

Wofür sollten junge Leute ihr erstes, selbstverdientes Geld investieren: in ein edles Design-Outfit oder ein tolles Design-Möbelstück? BB: Also meine Söhne kaufen sich nur Klamotten. Es kommt wohl auf die Lebensumstände an: Wer flexibel bleiben möchte, dem empfehle ich doch, lieber Designer-Kleidung als Möbel zu kaufen. Wer etwas möchte, das ihn deutlich länger als ein, zwei Saisons begleitet, der sollte lieber ein Möbelstück nehmen, das ihn wirklich fasziniert.

Stimmt der Spruch: Zeige mir wie du wohnst und ich sage dir, wer du bist?
BB: Bis zu einem gewissen Grad ja. Wenn es auch keinen Rückschluss auf den Charakter zulässt. Aber auf Lebenssituationen und Rituale schon. Bei Paaren ist es doch so: Jeder bringt etwas mit und allein dadurch findet schon eine Vermischung statt. Außerdem können sich manche nicht so stark verwirklichen, weil sie wegen des Jobs keine Zeit dafür haben. Sie kaufen ein Ikea-Regal und denken dann 20 Jahre nicht mehr daran. Aber man sieht immer, ob jemand viel Wert auf Repräsentation und die Demonstration von Stil legt.

Schmeckt Ihnen während einer privaten Einladung ein Abendessen, das in einem geschmacklos eingerichteten Wohnzimmer serviert wird?
BB: Ganz ehrlich: Wenn es nette Menschen sind – ja! Da bin ich schmerzfrei.</p>"